09. September 2019 13:25 Uhr

Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Medizin: Parlamentarischer Abend der DGU

Künstliche Intelligenz wird von der Politik gefordert und gefördert, um die Herausforderungen der Medizin zu meistern. Beim Parlamentarischen Abend der DGU diskutierten Experten über bereits vorhandene Anwendungen und zukünftige Einsatzfelder dieser Technologien. Welche Chancen und Risiken verbinden Mediziner mit der Künstlichen Intelligenz?

Die Bundesregierung geht in die Digitalisierungsoffensive und hat eine Strategie zur Entwicklung von Einsatzmöglichkeiten Künstlicher Intelligenz (KI) vorgelegt. In Medizin und Pflege sollen KI und Automatisierung helfen, die wachsenden Herausforderungen zu bewältigen. Die Deutsche Gesellschaft für Urologie e. V. (DGU) hat im Juni dieses Jahres einen Parlamentarischer Abend veranstaltet, um Chancen und Grenzen kollaborativer Automatisierung und künstlicher Intelligenz zu diskutieren.

Fachkräfte- und Ärztemangel bei steigenden Patientenzahlen gehen aktuell einher mit einer immer aufwändigeren Diagnostik und individuellen Therapieoptionen. Experten schätzen, dass im Jahr 2030 in der Urologie 20% mehr Patienten stationär oder ambulant behandelt werden müssen. Intelligente Assistenzsysteme könnten, so die Hoffnung, durch Analyse und Vergleich der wachsenden Datenmengen den Ärzten Diagnose- und Entscheidungshilfen geben. Prof. Maurice Stephan Michel, Generalsekretär der DGU, nannte beim Parlamentarischen Abend als Beispiel das von IBM entwickelte System Watson, das bei Krebserkrankungen bereits 90% Übereinstimmung mit interdisziplinären Tumorboards gezeigt habe. KI helfe mittlerweile ebenfalls sehr erfolgreich, Prostatakarzinome bei Biopsien zu erkennen.

Roboter bieten weitere Einsatzmöglichkeiten in der Medizin. Sie können zum Beispiel Operationen durchführen. Kollaborativ mit dem Arzt agierende Operationsroboter werden bereits überwiegend bei der radikalen Prostatektomie eingesetzt, sind aber erst der Anfang der Entwicklung. Andere Systeme, wie das Aquabeam-System, gehen einen Schritt weiter: Nach Festlegung des zu operierenden Gewebes einer gutartigen Prostatahyperplasie durch den Arzt, entfernt es dieses voll automatisch mit Hilfe eines Wasserstrahles.

Die Zukunft der KI in der Medizin

Die Entwicklung verlaufe rasant, sagte Prof. Arno Elmer, Geschäftsführer der Innovation Health Partners, in seinem Vortrag. Vor allem durch die Entwicklung von Mensch-Maschine-Interaktionen über Sprache sei eine künftige Revolution der medizinischen Versorgung möglich, da dies die Substitution menschlichen Handelns schneller mache. Prof. Michel wiederum sieht ein großes Potential in der automatisierten Schrifterkennung: alte Patientenakten könnten so den Datenbanken zugänglich gemacht werden.

Aber wie sieht die zukünftige Rolle des Arztes aus? Wird er demnächst ersetzt werden durch Computer und Roboter? Das wird nicht der Fall sein, sind sich Dr. Julia Inthorn von der Evangelischen Akademie Loccum, die sich in ihrem Vortrag mit den ethischen Aspekten auseinandersetzte, und ihre beiden Vorredner einig. Der Arzt müsse sich letztendlich die Hoheit über die medizinischen Verfahren - über den Stecker, wie Prof. Elmer es nannte - bewahren.

Prof. Michel kommentiert in Rückschau auf den Parlamentarischen Abend, wie er die Zukunft dieser Technologien sieht und welche Chancen, Risiken und Grenzen sie seiner Meinung nach haben: „Aus meiner Sicht liegen die großen Chancen in der Diagnostik, also der Bildanalyse und Bildbefundung. Hier sind heute bereits Möglichkeiten vorhanden, KI für bessere Aussagen zu nutzen, und diese werden in Zukunft sehr viel mehr werden. Der Arzt wird hier in einigen Bereichen noch eine kontrollierende und Befund-freigebende Funktion haben, während die KI maßgeblich die Befunderstellung unterstützen wird. Den Einsatz von KI im Bereich von Therapie hingegen, insbesondere operativer Therapie, sehe ich als schwierig an. Wenn der Roboter voll automatisiert operiert, gibt es zum einen Haftungsfragen, die völlig ungeklärt sind, zum anderen ist hier die Komplexität und Individualisierung von Eingriffen ein großes Hemmnis. Sehr wertvoll hingegen wird die KI bei der Sammlung und dem Abgleich von Befunden sein, sowie bei der Aufarbeitung von Befundkonstellationen. Die Daten einzelner Patienten können so strukturiert analysiert, aufgearbeitet und bereinigt werden, um dann dem Arzt einen aktualisierten Gesamtbericht zur Verfügung zu stellen. KI-Systeme werden also im Wesentlichen nicht Arzt-ersetzend, sondern Arzt-unterstützend sein, wobei ich den größten Nutzen in der Diagnostik sehe.“ (Joh)